Nina-Louisa Efrém
Medizinalchemikerin

© Nina-Louisa Efrém

Nina-Louisa Efrém ist Medizinalchemikerin. In diesem Interview erzählt sie, wie sie zu diesem Beruf kam und welchen Tipp sie ihrem 15-jährigen Ich geben würde.

Wie hast du deinen Beruf für dich entdeckt? Bzw. wann wusstest du, was du beruflich machen möchtest?
Ich war bis zum letzten Moment unsicher, was ich beruflich machen möchte. Während des letzten Schuljahres konnte ich mir viele mögliche Laufbahnen vorstellen, von Tanz- und Theatertherapie über Stadtplanung bis hin zum Biochemiestudium, für das ich mich schließlich entschieden habe. Die Entscheidung für dieses Studium habe ich eher aus dem Bauch heraus getroffen. Dass ich mich auf die Fachrichtung Medizinalchemie, also der Anwendung von Chemie zur Erforschung und Herstellung von neuen Medikamenten, spezialisieren möchte, wusste ich gegen Ende meines Bachelorstudiums. Während Praktika konnte ich ausprobieren, ob mir diese Spezialisierung auch im Arbeitsalltag Spaß macht.

Wie sieht die Ausbildung für deinen Beruf aus?
Grundlage für die Arbeit als Medizinalchemikerin ist in der Regel ein Chemiestudium, das aus einem dreijährigen Bachelor und einem zweijährigen Master besteht. Während des Studiums sollte man eine Leidenschaft für organische Chemie entwickeln und nach Möglichkeit auch Wissen in Biologie und verwandten Disziplinen erwerben. Mittlerweile gibt es auch spezialisierte Studiengänge in Chemischer Biologie und Medizinalchemie. Auf das Studium folgt oft eine Doktorarbeit. Dabei arbeitet man 3-4 Jahre lang an einem eigenen Forschungsprojekt, über das man am Ende eine schriftliche Arbeit anfertigt.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Meine Arbeit lässt sich in drei Bereiche gliedern: Der Herstellung (Synthese) von neuen organischen Molekülen, die potenziell eine bestimmte Bioaktivität, also Wirkung auf den Körper, haben. Wenn ein neuer Wirkstoffkandidat fertiggestellt ist, wird er von Biolog:innen auf seine Bioaktivität getestet. Die Auswertung dieser biologischen Daten ist ein weiterer Arbeitsbereich. Schließlich müssen auf Basis der biologischen Daten neue Varianten des untersuchten Moleküls hergestellt und wiederum getestet werden. Das Ausdenken von neuen Molekülstrukturen erfolgt oft mithilfe von Computermodellen und ist der dritte wichtige Bestandteil der Arbeit in der Medizinalchemie. Die Laborarbeit nimmt jedoch einen Großteil der Zeit in Anspruch.

Was ist aus deiner Sicht die wichtigste Fähigkeit für deinen Beruf?
Medizinalchemie vereint verschiedene Fachrichtungen: Chemie, Biologie, Informatik, und gerade die Synthesearbeit im Labor erfordert manchmal einiges an technischem Geschick. Abgesehen von naturwissenschaftlichem Interesse sind vor allem Kreativität und Kommunikationsvermögen gefordert. Wir arbeiten eng mit Wissenschaftler:innen anderer Fachrichtungen zusammen und um unsere Ziele zu erreichen, ist eine gute Abstimmung und das Finden einer gemeinsamen Sprache sehr wichtig.

Hast du ein Vorbild, das dich in deiner Berufswahl bestärkt hat?
Ein Vorbild nicht, aber ich bin Mentoren und Mentorinnen sehr dankbar, die mich auf meinem bisherigen Berufsweg unterstützt und inspiriert haben.

Was ist der lustigste Irrtum, den Menschen über deinen Beruf haben?
Dass Chemiker:innen introvertierte Nerds sind, die den ganzen Tag allein im Labor stehen oder vor dem Computer sitzen! Meine Arbeit bringt mich mit Wissenschaftler:innen verschiedenster Disziplinen aus der ganzen Welt zusammen und nur durch fachübergreifende Zusammenarbeit können wir unser Ziel erreichen, neue, sichere Medikamente zu entwickeln. Diese Begegnungen und der Austausch bereichern meinen Arbeitsalltag sehr.

Was wäre dein absolutes Traumprojekt, an dem du arbeiten möchtest?
Die Entwicklung von innovativen, nebenwirkungsarmen Verhütungsmitteln ist ein sehr spannendes und aktuelles Forschungsfeld.

Welchen Tipp würdest du deinem 15-jährigen Ich geben?
Es ist okay, nicht zu wissen, was man später machen möchte! Wenn noch alle Türen offenstehen, kann das verunsichern, weil man sich mit getroffenen Entscheidungen keine anderen Wege verbauen möchte. Oft gibt es aber mehrere Wege, die zum Ziel führen und es ist ebenso in Ordnung, Ziele neu zu stecken und Umwege zu gehen. Auch wenn man sich später umentscheidet: Aus jeder Erfahrung und Herausforderung, der man sich stellt, wird man etwas lernen und daran wachsen können!

Gibt es Herausforderungen, die dir als Frau in deinem Beruf regelmäßig begegnen?
Es kommt sehr auf das Arbeitsumfeld an. Zum einen werden Frauen in den Naturwissenschaften aktiv gefördert, andererseits sind wir gerade in Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert. Eine große Herausforderung sehe ich in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, vor allem, weil die Ausbildung in meinem Fachgebiet, die Doktorarbeit eingeschlossen, vergleichsweise lange dauert.

Welche dieser Zukunftskompetenzen ist deine Lieblingszukunftskompetenz und warum?
Critical Thinking! Kritisches Denken ist nicht nur in meinem Berufsalltag wichtig, wo ich Laborergebnisse und Daten analysieren und hinterfragen muss. Immer wieder neue Perspektiven einzunehmen, neue Wege zu beschreiten und Optionen gegeneinander abwiegen zu können, ist in allen Lebensbereichen wichtig. Das Erkennen von Missständen ist außerdem die Bedingung dafür, Dinge zum Besseren verändern zu können.

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