Angelika Hinterbrandner
Architektin und Journalistin

© Oliver Magda

Angelika hat durch ihren Berufsweg in der Architektur einen ganz eigenen Weg für sich gefunden. Heute setzt sie sich im Rahmen der Architektur für wichtige Themen ein und arbeitet an unterschiedlichen Projekten, die ein breites Themenfeld abdecken.

Liebe Angelika, stell dich gerne einmal kurz vor.
Mein Name ist Angelika Hinterbrandner und ich bin ausgebildete Architektin. Allerdings arbeite ich nicht im klassischen Profil einer Architektin, sondern in vielen unterschiedlichen Formaten, oft mit anderen Menschen zusammen.

Was wolltest du werden, als du klein warst?
Meine Mama sagt immer, ich wollte Köchin werden. Weil ich gerne beim Kuchen backen und Kochen geholfen habe. Es hat mir gefallen, kreativ Dinge selbst zusammen zu mischen und dann etwas Gutes draus zu machen.
Gleichzeitig erinnere ich mich daran, dass meine Eltern gebaut haben, als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Ich kann mich noch an den Geruch von frisch gegossenem Beton erinnern. Auf der Baustelle zu sein, war prägend für mich. Mein Vater arbeitete auch in der Baubranche, erst als Zimmermann, dann in der Baukostenkalkulation bei einer Baufirma. Meine Mutter arbeitet als Schneiderin. Beide haben einen handwerklichen Zugang dazu, selbst Dinge zu erschaffen. In meinen Teenager-Jahren im Gymnasium hat sich dann das Thema Bauen und Architektur ergeben.

Entwirfst du als Architektin selbst Häuser und Gebäude oder hast du gerade ein Projekt, an dem du arbeitest?
Ich bin zwar als Architektin ausgebildet, arbeite aber inzwischen als Journalistin im weitesten Sinne.
Der klassische Berufsweg für Architekt:innen nach dem Studium ist, erst einmal alle Leistungsphasen zu durchlaufen. Das heißt, den kompletten Prozess von der Idee, über die ersten Entwurfsskizzen bis hin zur Detailierung und Realisierung zu durchlaufen. Man begleitet den Bauprozess von Anfang bis Ende und lernt dabei, wie man ein Projekt baut.
Wenn man all diese Phasen durchlaufen hat und gleichzeitig weitere Kurse bei der Kammer durchläuft, kann man Teil der Architektenkammer werden (Architektur ist ein geschützter Beruf) und darf sich dann Architektin nennen. Im Anschluss kann man als freie oder angestellte Architekt:in arbeiten und Gebäude entwerfen und umsetzen.
Ich habe mich gegen diesen klassischen Weg entschieden und arbeite an eigenen Projekten mit Schwerpunkt auf Wissenstransfer und Vermittlung. Ich baue nicht, aber die Projekte drehen sich um Themen, die für Architekt:innen wichtig sind.

Womit beschäftigst du dich zurzeit?
Es gibt vier Kernbereiche, die den gebauten Raum berühren, die mich aktuell sehr beschäftigen:
Einerseits ist es die Klimakrise, weil das Bauen einen sehr großen Einfluss auf das Klima hat.* Andererseits beschäftige ich mich intensiv mit der „Wohnungskrise“, also dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum. So versuche ich zum Beispiel mir coole Formate zu überlegen, um komplexe Zusammenhänge einfach verständlich zu machen, sodass auch Personen, die nicht in meiner Branche arbeiten, diese verstehen.
Außerdem beschäftigt mich das Thema Arbeitsbedingungen und Berufsbilder in der Architektur. Gemeinsam mit Katharina Benjamin, meiner Partnerin bei kntxtr, haben wir beispielsweise eine digitale Plattform entwickelt, die es Architekt:innen ermöglichen sich über Arbeitsbedingungen in Büros zu informieren und wir haben auch einen gemeinsamen Podcast, in dem wir immer wieder über dieses Thema sprechen.
An der ETH Zürich, an der ich lehre und forsche, beschäftigt mich vor allem, wie man die Themen und komplexen Zusammenhänge, die heute und in Zukunft relevant sind, in der Lehre vermittelt.

Wie hast du damals deinen Berufszweig gewählt, wie war der Weg von der Begeisterung bis hin zur Architektin?
Ich komme aus einem kleinen Dorf in Bayern und war die erste in der Familie, die auf dem Gymnasium war und den akademischen Weg gewählt und studiert hat.
Ich hatte so zwar einerseits ganz andere Berufsoptionen als meine Eltern, doch ein Studium wie Medizin oder Jura kamen für mich überhaupt nicht infrage. Das konnte ich mir damals überhaupt nicht vorstellen, da dieser Karriereweg so weit weg von meiner eigenen Realität war. Es gab auch niemanden, der mir das als Vorbild hätte greifbar vermitteln können.
Unter Bauen und Architektur hingegen und dem handwerklichen Aspekt des Machens konnte ich mir etwas vorstellen. Deswegen hat sich das als eine Option ergeben. Vor dem Abitur gab es aber etwas Spannung zuhause bezüglich der Frage, was ich machen soll – die Löhne in der Architektur sind im Vergleich zu anderen akademischen Berufen eher gering, was mir mein Vater vorab klar machen wollte. Ich bin allerdings stur geblieben.
Also war die einzige Bedingung meiner Eltern, dass ich vorher ein Praktikum machen sollte, damit ich wüsste, was auf mich zukommt. Ich habe dann sowohl ein Praktikum im Architekturbüro, als auch bei der Baufirma gemacht. Bei der Baufirma musste ich Massenermittlung machen, also Baumasse berechnen – eine sehr trockene Arbeit, die ich total frustrierend fand. Im Architekturbüro durfte ich gestalten, was mir viel besser gefiel. Ich habe mich also für das Architekturstudium und für den kreativen Zugang entschieden.

Wie kam es dazu, dass du nach dem Architekturstudium deinen eigenen Weg gesucht und gefunden hast?
In dem Architekturbüro, in dem ich während des Studiums gearbeitet habe, war sehr klar, dass die Büro-Inhaber die Gestalter sind und dass die Angestellten Architekt:innen die Ideen umsetzen sollten. Ich hatte in diesem Büro das Gefühl, als Praktikantin kein Mitspracherecht und damit auch keinen Gestaltungsspielraum zu haben. Nach einem weiteren Praktikum war ich relativ frustriert über die hierarchischen Strukturen und habe langsam begonnen aktiv über Alternativen nachzudenken.
Über den Studienverlauf habe ich zwei Stipendien bekommen, einmal vom Baumeister Magazin und einmal vom Detail Magazin. Mit diesen Stipendien ging immer einher, dass man kurze Artikel schreiben musste. Wenn ich jetzt auf diese Zeit zurückblicke, war das der Beginn meiner Schreibpraxis.
Ich hatte in Deutsch in der Schule eher schlechte Noten und mir wurde oft gesagt, dass ich nicht schreiben kann. Was sicher auch dazu beigetragen hat, dass ich sehr lange dachte, ich könnte das tatsächlich nicht. Bis ich immer mehr geschrieben habe und dann irgendwann verstanden habe, dass Schreiben etwas ist, was man üben muss. So habe ich während meines Studiums auch bei der ARCH+, einem führenden deutschen Architekturmagazin, ein Praktikum gemacht und bin schließlich in den Journalismus gekommen, als ich angefangen habe als Freiberuflerin zu schreiben.

Geld, oder besser gesagt die Frage, wie ich mich finanziere, hat während meines Studiums immer eine sehr große Rolle gespielt. Meine Eltern haben mich immer unterstützt, aber auch klar gesagt, dass ich mein Studium in Regelstudienzeit beenden sollte. Ich wollte mir gerne mehr Zeit lassen und habe mich seit dem Masterstudium komplett selbst finanziert. Zuerst über eine Stelle an der Uni, später über meine Freiberuflichkeit.
Das hat mich beruflich, sowohl inhaltlich aber auch in Karriereentscheidungen beeinflusst. Und es beeinflusst noch immer, wie ich heute über die Profilierung von Architekt:innen nachdenke. Aus dem Thema hat sich sehr viel ergeben und das journalistische Arbeiten ist als Bestandteil meiner Praxis geblieben. Schreiben begreife ich heute als reflektiven Prozess und Teil meines Lernprozesses.

Du bist auch noch Journalistin – wie kommen diese Felder zusammen?
Journalismus heißt nicht nur, „für eine Zeitung schreiben“ oder „Reporterin sein“. Journalismus ist heute ein breites Feld und keine geschützte Berufsbezeichnung – jede:r kann sich also Journalist:in nennen. Ich schreibe Artikel für Architektur Fachmagazine, aber auch Buch-Beiträge. Auf Instagram veröffentliche ich persönlichen Content, was man Micro-Blogging nennt. Und der Kontextur Podcast ist natürlich auch ein journalistisches Audio-Format.

Welche der Zukunftskompetenzen empfindest du in deinem Alltag als am wichtigsten?
Ich denke, man braucht alles ein bisschen. Am wichtigsten für meine inhaltliche Arbeit ist Critical Thinking, um Dinge verknüpfen oder einschätzen zu können. Wenn es darum geht, wie ich meinen Lebensalltag gestalte, ist es eine Mischung aus Collaboration, Coolness und Kommunikation.
Ich habe mir Perfektionismus abtrainiert und versuche mit 80% zufrieden zu sein. Es ist auch mal ok, wenn etwas nicht 100% so ist, wie ich es mir vorstelle. Oder wenn Dinge mal nicht funktionieren. Das muss man akzeptieren, wenn man an so vielen Dingen parallel arbeitet, wie ich es tue. Wenn man mit vielen unterschiedlichen Menschen arbeitet, ist der „Coolness“ Aspekt tatsächlich sehr wichtig – man muss die eigene Idealvorstellung auch mal hintenanstellen können, um gemeinsam voranzukommen.

Welche Erfahrungen sammelst du denn als Frau in deinem Beruf?
Was mir am häufigsten passiert, ist das Infragestellen von Kompetenzen und dass man einfach nicht ernst genommen wird, wenn man eine Frau ist, vor allem in der Baubranche.
Egal ob auf der Baustelle oder bei einem Panel Talk – dass man nicht auf Augenhöhe behandelt wird, kommt immer noch vor. Das ist nicht immer so und es ändert sich auch etwas inzwischen, aber es gibt noch viel zu tun, bevor wir von Gleichstellung in der Branche sprechen können.

Hast du Tipps für Mädchen und junge Frauen, die du mitgeben kannst?
Was ich als Tipp mitgeben will ist, sich nach den inspirierenden Frauen umzuschauen, die bereits da sind und sie ansprechen und nach Rat fragen: Wie machst du das? Wie bist du dahin gekommen, wo du heute bist? Ich hatte das Glück, eine tolle Professorin zu haben, Uli Tischler an der TU Graz, die mich intensiv begleitet hat. Heute versuche ich das selbst weiterzugeben.
Womit wir schon beim nächsten Tipp wären: Die eigene Erfahrung weitergeben. Zu den Studierenden, die mich um Rat bitten, sage ich, sie sollen die Unterstützung weitergeben. Nehmt die Leute, die jünger seid als ihr, an die Hand und helft ihnen. Es ist viel wert, den Erfahrungshorizont gemeinsam, aus einer ähnlichen Perspektive zu erweitern und ein Netzwerk der Unterstützung zu bauen.
Alle Dimensionen sind hier wertvoll. Nicht nur „Frauenperspektiven“ sind wichtig. Es gibt besonders in der Architektur immer noch viel zu wenige Perspektiven, die außerhalb des weißen, binären, privilegierten Akademiker:innen Kontext liegen.

Gibt es was, was du noch loswerden willst?
Ich finde es wichtig, dass junge Menschen rausfinden, was sie wirklich interessiert. Ich nehme in der Generation der Studierenden, die ich gerade betreue, einen großen Wunsch aber auch viele unbeantwortete Frage nach Wirksamkeit wahr. Kann das, was ich tue, etwas verändern?
Um diese Frage für sich persönlich zu beantworten, und wirksam zu werden, ist es glaube ich essenziell zu verstehen, welches Thema einen wirklich interessiert und antreibt.

*ca. 8% des globalen CO2 Ausstoßes werden durch Zementherstellung erzeugt. Zement ist das Bindemittel, das Beton fest macht. Beton ist das Material, das heute überwiegend in der Baubranche zum Einsatz kommt, wenn neue Gebäude gebaut werden. Ca. 53% des gesamten Abfallaufkommens in Deutschland werden durch den Bausektor verursacht. Insgesamt trägt der Gebäudesektor ca. 40% zum insgesamten CO2 Ausstoß bei und ist damit einer der Kernsektoren, den es zu transformieren gilt, um die Klimaziele einzuhalten. Quelle: DENA 2021

Texte: DKJS
Foto: © Oliver Magda
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