© Mein Testgelände

Auf meinTestgelände sind Themen wie die geschlechtliche Selbstinszenierung, gesellschaftliche Erwartungen an Geschlechter oder die Liebensweisen im Fokus. Seit 2013 sind über 800 Beiträge veröffentlicht worden. Die Beitragsformen ist dabei sehr vielfältig: Texte, Songs, Audios, Theaterszenen, Slams – alles, was online gezeigt werden kann.
Dr. Claudia Wallner leitet gemeinsam mit Michael Drogand-Strud das Projekt. Wir stärken Mädchen sprach mit ihr darüber, welche Themen die Jugendlichen im Laufe der Zeit beschäftigen, wie die Rückmeldungen zu den Beiträgen sind und was es mit der Videoreihe „Lebensläufe“ auf sich hat. Außerdem gibt sie Einblick in das neue Fachkräfteportal Geschlechtersensible Pädagogik für Genderfragen und geschlechtersensible Pädagogik.

Wir stärken Mädchen: Auf der Webseite meinTestgelände gibt es bereits seit 2013 Artikel und Beiträge von Jugendlichen für Jugendliche rund um Genderthemen. Wie haben sich die Themen, die Sicht der Jugendlichen oder der Umgang damit, seitdem verändert?

Claudia Wallner: Es zeigt sich, dass Geschlechterthemen langwierig wirken und mehrgenerativ junge Menschen beeinflussen, oftmals auch belasten: Körpernormierungen, die Enge der Weiblichkeits- und Männlichkeitsbilder, gleichgeschlechtlich zu lieben, fehlende Gleichberechtigung, Ungerechtigkeit im Beruf, Anmache und Übergriffe. Letztendlich auch die Frage: wer bin ich und was davon bin ich, weil ich inter*, trans*, Mädchen oder Junge bin?

„Jugendliche wollen einfach nur sein, wer sie sind“

Geschlechterthemen sind zäh und tun oft weh. Mädchen hören Botschaften von Gleichberechtigung und erfahren doch viel Abwertung und Ungerechtigkeiten. Trans* und inter* Jugendliche spüren Ausgrenzung und müssen sich auch heute noch vor offener Gewalt fürchten. Ähnlich geht es homosexuell liebende jungen Menschen, insbesondere Jungen. Sie schlagen sich mit Männlichkeitsbildern herum, nach denen sie laut und gewalttätig sind und keinen Bezug zum eigenen Ich haben (sollen). Dabei wollen sie auch einfach nur sein, wer sie sind.
In den Beiträgen der jungen Menschen wird deutlich: alles rund um Geschlecht tut eher weh als dass es Freude bereitet. Es grenzt mehr ein als dass es Entwicklungsmöglichkeiten bietet und es gibt noch viel zu tun, bis das Gleichheitsversprechen an die Jugend durch die Gesellschaft eingelöst sein wird.
Im besonderen Jahr 2020 haben allerdings viele junge Menschen sich mit den Folgen der Corona -Pandemie und insbesondere mit den damit verbundenen ↗ Lebenseinschränkungen beschäftigt: für manche bedeutete das Entschleunigung, andere hatten psychisch und finanziell stark zu kämpfen.

Wir stärken Mädchen: MeinTestgelände zeigt vielfältige Perspektiven und persönliche Erfahrungen rund um Geschlechterthemen auf. Was bedeuten diese Einblicke für Jugendliche und insbesondere für Mädchen*? Welche Rückmeldungen bekommen Sie von Autor:innen und Leser:innen?

Claudia Wallner: Gerade für Mädchen* und junge Frauen sind die Beiträge von anderen Mädchen wichtig, um aus Gefühlen wie Schuld, Unzulänglichkeit und Versagen herauszukommen. Auch hilft es dabei zu verstehen, dass vieles, was ihnen begegnet, gar nicht an ihnen liegt, sondern offensichtlich gesellschaftliche/strukturelle Ursachen hat. Vor allem Autor*innen geben sich Anerkennung dafür, dass und wie sie Themen ansprechen, die viele bewegen, wütend machen oder ängstigen.

Wir müssen unsere Autor*innen vor Hatern schützen

Rückmeldungen können Menschen auf die Beiträge leider nur auf Facebook und Instagram geben, weil gerade gegen Mädchen/junge Frauen die Gefahr von Hatespeech sehr groß ist. Zunächst hatten wir auf der Website eine Kommentarfunktion eingerichtet und diese auch auf unserem YouTube Kanal frei geschaltet. Nach kurzer Zeit haben leider Hater diese genutzt, um die Autor*innen übelst zu beschimpfen. Da es sich um junge Menschen handelt und wir als pädagogisches Projekt für ihre Unversehrtheit verantwortlich sind, mussten wir diese Funktion ausschalten. Das schützt einerseits unsere Autor*innen, andererseits nimmt es ihnen natürlich große Teile der Möglichkeit, auch positive Rückmeldungen zu bekommen. Viele Autor*innen – insbesondere, wenn sie sich jährlich auf unserem fünftägigen Jugendkulturevent #gelände treffen, befreunden sich auf Facebook und nutzen da die Gelegenheit, sich gegenseitig für ihre Beiträge zu feiern.

Bedeutsam, dass Erwachsene ihre Perspektiven wahrnehmen und anerkennen

Mit unserer ↗ Fachgruppe geschlechtersensibel Pädagogik auf Facebook bringen wir die Beiträge am Veröffentlichungstag Fachkräften nahe. Es hat lange gedauert, bis es hier Reaktionen gab. Offensichtlich waren die pädagogischen Fachkräfte eher auf fachliche Hinweise wie Veröffentlichungen und Fortbildungen orientiert, doch so langsam finden die jugendlichen Beiträge von meinTestgelände auch hier Aufmerksamkeit und erhalten sehr anerkennende Rückmeldungen. Gerade Mädchen melden uns oft zurück, dass es für sie sehr bedeutsam ist, dass Erwachsene ihre Perspektiven wahrnehmen und anerkennen.

Wir stärken Mädchen: Sie haben die Videoreihe „Lebensläufe“ auf meinTestgelände initiiert, die verschiedene Jugendliche portraitiert. Dabei geht es aber um mehr als die Suche nach dem passenden Beruf. Was wollen Sie mit der Reihe erreichen?

Claudia Wallner: Wir möchten anerkennen, dass die Phase des Eintritts ins Erwachsenenalter viel mehr beinhaltet als nur eine Berufsentscheidung und dass Berufsentscheidungen immer verknüpft sind mit Lebensereignissen und –verhältnissen. Das, so unser Ziel, arbeitet der Entkoppelung von Berufsentscheidungen entgegen und zeigt, dass junge Menschen sich nicht „so einfach“ für einen Beruf entscheiden oder dass geschlechtsuntypische Berufsentscheidungen immer auch damit zusammenhängen, wie junge Menschen leben, wie ihre Familienverhältnisse sind, wie resilient sie sind.

Leben ist mehr als Beruf

Das zeigt zum Beispiel der ↗Geburtshelfer Tobias, dessen Mutter als Hebamme arbeitet. ↗Ayman kam mit seinem Bruder als unbegleiteter junger Geflüchteter nach Deutschland und fand schnell heraus, dass er nur eine Chance im Leben hat, wenn er extrem viel lernt und sich anstrengt und mindestens doppelt so gut ist wie andere. Er musste Deutsch lernen und hat parallel eine Ausbildung als Mediengestalter angefangen und gerade bestanden. ↗FaulenzA ist eine junge Rapperin und trans* Aktivistin, deren Lebensweg stark vom trans* sein bzw. eher von den Problemen, die Gesellschaft ihr damit macht, geprägt ist. Diese und die anderen Lebensläufe zeigen, dass Berufsentscheidungen aus dem Leben heraus getroffen werden und dass Leben mehr ist als Beruf – das möchten wir mit unserer Reihe zeigen.

Wir stärken Mädchen: In diesem Jahr haben Sie ein neues ↗Fachkräfteportal für Genderfragen und geschlechtersensible Pädagogik ins Leben gerufen. Wie können Pädagog:innen das Portal nutzen?

Claudia Wallner: Wir haben festgestellt, dass Fachkräfte die jugendlichen Beiträge auf meinTestgelände großartig finden, nicht aber so richtig wissen, wie sie diese in der geschlechterpädagogischen Arbeit einsetzen können. Zudem betreiben wir seit vielen Jahren eine ↗Fachgruppe namens geschlechtersensible Pädagogik auf Facebook mit aktuell 7.500 Mitgliedern, in der u.a. aktuelle Diskurse besprochen aber nicht in die Tiefe diskutiert werden. Das liegt vor allem daran, dass SocialMedia über ihre Kommentarfunktionen nicht so ausführliche Diskurse aufmachen. Das hat uns zum Konzept der neuen ↗Fachkräftewebsite geführt:In der Rubrik „Positionen“ veröffentlichen wir Texte und Videos, in denen eben Position bezogen wird zu aktuellen Diskursen wie z.B. gendergerechter Sprache, Intersektionalität, toxische Männlichkeit oder der medialen Aufregung, zum Beispiel um „pinky gloves“. So können Fachkräfte daran ihre eigene Position messen und entwickeln.

  • Die Rubrik „Einblicke“ bezieht sich direkt auf die meinTestgelände-Beiträge der jungen Autor*innen: hier fassen wir inhaltlich Beiträge verschiedener junger Autor*innen und Redaktionen zusammen und geben Empfehlungen
  • In der Rubrik „Werkzeuge“ bauen wir diesen Aspekt noch weiter aus, indem die Beiträge der meinTestgelände-Autor*innen mit umfassenden Methoden angereichert werden, die Fachkräfte dann genau so in der Arbeit einsetzen können.
  • Die vierte Rubrik bezieht sich auf das Konzept von meinTestgelände und beschreibt detailliert, wie die Website funktioniert. Außerdem sind dort unsere Veröffentlichungen, die Berichte der wissenschaftlichen Begleitung etc. veröffentlicht.

Geschlechtersensible-paedagogik.de baut Brücken zwischen den Fachkräften, den Jugendlichen und unserem Projekt. Exklusiv an der Fachkräfteseite ist, dass wir den gesamten Content selbst produzieren mit Unterstützung von externen Autor*innen und dass wir jugendliche Statements und Fachkräfte zusammenbringen.

Wir stärken Mädchen: Welchen Rat geben Sie Pädagog:innen, die insbesondere Mädchen und junge Frauen ermutigen wollen, ihren Weg unabhängig von Geschlechterstereotypen zu gehen?

Claudia Wallner: Geschlechterstereotype in Bezug auf Mädchen und junge Frauen sind verdeckter als noch vor 20 Jahren, aber das bedeutet nicht, dass sie weg sind. Auf meinTestgelaende.de kann mensch in hunderten Beiträgen nachlesen und hören, wie stark sich Mädchen von Geschlechterstereotypen gegängelt, unterdrückt und eingeschränkt fühlen. Insofern ist nicht davon auszugehen, dass Mädchen/junge Frauen ihren Weg unabhängig von Geschlechterstereotypen gehen können.

Pädagog*innen können den Mädchen Mut machen, andere Wege als es den Geschlechterstereotypen entspricht zu gehen

Mit Projekten und Websites wie dieser oder auch Wir stärken Mädchen können wir dazu beitragen, dass Mädchen/junge Frauen erkennen, dass Stereotype von außen und gesellschaftlich gemacht werden und damit auch verändert werden können. Sie zeigen, dass sie als Person nicht falsch oder unzulänglich sind, wenn sie anders denken, andere Interessen haben, andere Wege gehen wollen als es Geschlechterstereotypen entspricht. Wir als Pädagog*innen können ihnen Mut machen und sie begleiten auf ihrem Weg, denn das ist weiterhin notwendig, führt ein Verhalten gegen übliche Geschlechternormen doch oft zu Konflikten. Und wir können ihnen mit Projekten wie unseren zeigen, dass viele Mädchen und junge Frauen sich von Geschlechterstereotypen eingeengt und gegängelt fühlen und dass das kein persönliches Problem oder Versagen ist, sondern eine gesunde Reaktion auf Ungerechtigkeiten, Abwertungen und mangelnder Gleichberechtigung.

Wir stärken Mädchen: Vielen Dank!