„Wir haben das ganz alleine programmiert!“

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Mit einem 3D-Drucker entwickeln die Mädchen der RWR Dortmund Dinge, die das Leben für Menschen mit Hörschädigung leichter machen

„Was ist das Besondere an dieser Schule?“, fragt Iris Schulte in die Runde. 14 Mädchen sitzen im Kreis auf dem Boden und wissen keine spontane Antwort. „Hier sind alle Ohren speziell“, erklärt die Technik-Lehrerin der Rheinisch-Westfälischen Realschule (RWR) in Dortmund, einer Förderschule für Hörgeschädigte und Gehörlose. Für die Schülerinnen aus den Klassen 5 bis 10, die sich an diesem Freitag zum zweiten Mal zum „Mädchentag“ treffen, ist dies nichts Außergewöhnliches. Sie nutzen viele Wege der Kommunikation. Noch kennen sich nicht alle in der neuen Mädchen AG und so gibt es erst einmal eine Vorstellungsrunde. „Hast Du auch einen Gebärdennamen?“, wird Stella gefragt und sie deutet einen Stern an. „Klar, das bedeutet ja auch der Name Stella“, erklärt Informatik-Lehrerin Sandra Scholz, die zusammen mit Iris Schulte die Gruppe leitet. Sie benutzt gleichzeitig Laut- und Gebärdensprache, damit sie von allen verstanden wird. „Welches Zeichen für Mädchen wollen wir in dieser Gruppe verwenden?“ Schnell einigen sich die Schülerinnen auf zwei kurze Streichbewegungen mit dem Daumen auf Schulterhöhe. Das wäre also auch geklärt.

Erstes Projekt zur Mädchenförderung findet großen Anklang
Die 140 Schülerinnen und Schüler der RWR kommen aus ganz Nordrhein-Westfalen und sind teilweise im angeschlossenen Internat untergebracht. Die Mädchen AG ist das erste Projekt zur Mädchenförderung. „Visuelle Dinge sind für Gehörlose sehr wichtig. Sie denken in Bildern und haben per se eine Affinität zu Naturwissenschaften und Technik. Wir wollen unsere Mädchen für diese Berufe stärken“, erklärt Schulleiterin Corinna Braun. Das Projekt, mit dem sich die Schule beim Programm Wir stärken Mädchen beworben hat, fand sofort großen Anklang: Die Schülerinnen wollen gemeinsam Ideen entwickeln, wie sie mithilfe eines 3D-Druckers Dinge herstellen können, die das Leben für Menschen mit Hörschädigung leichter machen. „Was könnte das sein?“, fragt Sandra Scholz. „Ein Fingeralphabet in 3D“, schlägt Sophia vor, denn auf Bildern könne man oft nicht erkennen, wie die Hand genau gehalten werden muss. Das ist für den Anfang doch etwas zu schwierig, und so entscheiden sich die Mädchen für einen Handyhalter, damit man im Videochat die Hände frei hat für die Gebärdensprache. Aber wie soll der 3D-Drucker wissen, was er drucken soll? „Dafür gibt es ein Computerprogramm, das Ihr jetzt alle kennenlernen werdet“, erklärt Iris Schulte. Nach einer kurzen Stärkung am Süßigkeiten-Buffet stürmen die Mädchen in den Computerraum.

Mädchen können ohne Konkurrenz das Programmieren erlernen
Für Hörgeschädigte und Gehörlose ist die Nutzung technischer und visueller Hilfsmittel viel selbstverständlicher. Sie haben per se schon eine gewisse technische Affinität. Die Lehrerinnen haben jedoch beobachtet, dass sich Mädchen eher als Anwenderinnen sehen und sich speziell beim Programmieren zurückhalten. „Die Jungen gehen da viel intuitiver ran, trauen sich auch mal, was falsch zu machen, während die Mädchen mehr überlegen“, erzählt Sandra Scholz. In der Mädchen AG bekommen sie jetzt die Chance, sich ganz ohne Konkurrenz mit dem Programmieren zu beschäftigen. Mit dem Projektgeld der Stiftung wurden zwei 3D-Drucker und eine Schulung der Lehrerinnen finanziert. Zunächst lernen die Mädchen das Programm „tinkercad“ kennen. Mit Begeisterung probieren sie aus, wie sich Farben und Größen von Würfeln, Pyramiden und Zylindern verändern lassen, wie sie neue Formen bilden können und wie man Buchstaben darauf anordnen kann. In der altersgemischten Gruppe helfen sich alle gegenseitig. Immer wieder rufen sie die Lehrerinnen voll Stolz an ihren Computerplatz, um zu zeigen, was sie selber „gebaut“ haben. Dann bekommt der 3D-Drucker seinen ersten Druckbefehl: einen Oktopus. Immer wieder laufen die Mädchen zum Drucker, um zu beobachten, was da entsteht. „Das dauert ja ewig“, beschwert sich Nora, die gerne ihre selbst kreierte Katze ausdrucken würde. Die 12-Jährige, die später mal Fluglotsin werden möchte, hat großen Spaß in der Mädchengruppe. „Es ist hier viel ruhiger und man kann konzentrierter arbeiten.“

Dynamik und positive Atmosphäre in der Mädchengruppe
Auch Victoria fühlt sich sehr wohl in der Mädchen AG. „Es ist alles viel einfacher und wir verstehen uns gut“, bekräftigt die 13-Jährige, die unbedingt programmieren lernen möchte und sich deshalb für eine Teilnahme an diesem Projekt entschieden hat. Am Ende des Schultages haben alle Mädchen einen eigenen Handyhalter gestaltet und beschriftet. Sie freuen sich schon auf den nächsten Mädchentag. Eine Schülerin würde gerne noch mehr über das Programm erfahren und die erfundenen Charaktere aus ihren Geschichten in 3D ausdrucken. Die Zehntklässlerin wird bald ihren Abschluss an der Realschule machen und will dann Abitur machen und studieren. „Am liebsten Medizin, um in die Chirurgie, Pathologie oder Forensik zu gehen.“ Iris Schulte ist begeistert von der Dynamik und der positiven Atmosphäre in der Mädchengruppe. „Irgendwann wollen wir die Gruppe aber auch für Jungen öffnen, und dann werden wir die Rollen umdrehen: Dann werden die Mädchen den Jungen erklären, wie das mit dem 3D-Druck funktioniert.“

Die Lehrerinnen Sandra Scholz (links) und Iris Schulte unterrichten parallel in Laut- und Gebärdensprache.
Text: Frau Pilavas
Fotos: ©  DKJS / BEUSHAUSEN
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