© Julian Quitsch

Durch Spielen lernen – zu schön, um wahr zu sein?

Charlotte Janus ist Diplomdesignerin für Spielen und Lernen. In ihrer Diplomarbeit hat sie sich damit beschäftigt, alltägliche Gegenstände in Spielzeuge zu verwandeln. Mit Plastiktüten kann man rodeln, mit Wasserflaschen eine ordentliche Wasserschlacht machen und auch mit Essen kann man spielen.
Seit 2012 konzipiert und gestaltet sie gemeinsam mit ihren Kolleg:innen Spielobjekte, Hands-On-Stationen sowie interaktive Spiele im von ihr mitgegründeten Büro für Sinn und Unsinn in Halle. Obwohl der Spaß hierbei nie zu kurz kommt, geht es bei ihren Arbeiten immer auch darum, etwas zu lernen.
Im Interview mit Technovation Girls Germany verrät Charlotte Janus unter anderem, warum und wie wir durch Spielen lernen.

Technovation Girls Germany: Bei Technovation Girls Germany entwickeln Mädchen Apps zur Lösung sozialer und ökologischer Herausforderungen in ihrer Lebenswelt. Dieses Jahr hat ein Team ein interaktives Spiel programmiert, in dem die Spieler:innen erfahren, wie viele Daten sie ungewollt mit Unternehmen teilen, wenn sie Social-Media-Apps nutzen.
Das Spiel macht richtig Spaß – trotz des ernsten Themas und ich kann mir die Inhalte tatsächlich besser merken, als wenn ich mir einen Text durchlese. Woran liegt das?

Charlotte Janus:  Auch wenn es „nur“ ein Spiel ist, nimmt das Gehirn eine Handlung im Spiel als eigenes Erleben wahr. Eine erlebte Erfahrung ist – über das intellektuelle Erfahren hinaus – mit Gefühlen verbunden und prägt sich deshalb besser in meinem Gehirn ein, als wenn ich nur einen Text lese.

Technovation Girls Germany: Wie genau funktioniert das – also was passiert in unserem Gehirn, wenn wir spielen?

Charlotte Janus: Das Spielen ist ein Freiraum. Wir können mit Neugier und Entdeckungsfreude alles ausprobieren, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Machen wir einen Fehler ist das nicht schlimm, sondern dieser Fehler erzeugt bei uns Erfahrungen und Wissen, die wir für den nächsten Versuch nutzen können. Durch dieses aktive Handeln fühlen wir uns selbstwirksam und erleben Glücksgefühle. Dadurch werden Glückshormone ausgeschüttet, durch welche die Erlebnisse im Gehirn stärker verankert werden.

Technovation Girls Germany: Ist Spielen also das bessere Lernen? Sprich lernen wir durch Spielen besser oder vielleicht nachhaltiger als durch das normale schulische Lernen?

Charlotte Janus: Mittlerweile ist bewiesen, dass das Spiel unglaublich wichtig für die Entwicklung unseres Gehirns ist. Ich denke, dass auch schulische Inhalte, wenn sie auf spielerische Art und Weise vermittelt werden, besser in unserem Gehirn abgespeichert werden.

Technovation Girls Germany: Könnten wir denn wirklich alles durch Spielen erlernen? Ich denke jetzt zum Beispiel mathematische Gleichungen, Englischvokabeln oder physikalische Gesetzgebungen?

Charlotte Janus: So wie es unterschiedliche Wissensbereiche gibt, gibt es sehr unterschiedliche Formen von Spielen. Nicht jedes Spiel lässt uns auf die gleiche Weise lernen. Ein Spiel kann sein, gemeinsam einen Staudamm zu bauen. Dabei lernen wir so vielfältige Dinge wie Kreativität, Statik, dass sich verschiedene Aggregatzustände und Materialien unterschiedlich verhalten, soziale Interaktion und Sprache, Grob- und Feinmotorik und vieles mehr. Es gibt aber auch Spiele, bei denen eine bestimmte Fähigkeit ausführlich trainiert wird, beispielsweise beim Ausmalen oder wenn Kleinkinder Bauklötze aufeinanderstapeln. Ich denke, man kann fast jeden Inhalt auf spielerische Art und Weise vermitteln. In unserer Arbeit sind wir immer wieder mit neuen Themen konfrontiert. Ob es sich um das große philosophische Thema „Freiheit“ handelte, die Ursachen für Flucht und Vertreibung oder das Prinzip der Farbmischung: Bisher ist es uns bei allen Themen gelungen, einen Zugang durch das Spiel zu schaffen.

Technovation Girls Germany: Wie müssen Spiele aufgebaut sein, damit wir dabei etwas lernen?

Charlotte Janus: Spielen ist aktiv. Spiele sollten uns die Freiheit geben, etwas selbst zu tun und auszuprobieren. Nur dann können wir Selbstwirksamkeit erfahren.

Technovation Girls Germany: Wie würdet ihr Spielen eigentlich definieren?

Charlotte Janus: Der Zweck des Spiels liegt in sich selbst, das ist in meinen Augen der wichtigste Aspekt des Spielens. Dadurch schafft das Spiel einen eigenen Raum, in dem wir uns so frei wie kaum sonst bewegen können. Sobald wir mit dem Spielen etwas erreichen wollen, ist es kein wirkliches Spiel mehr, sondern wird zur Aufgabe.

Technovation Girls Germany: Spiele am Handy, Computer, Spielkonsole und Co haben allgemeinhin nicht so einen guten Ruf – wo siehst du hier einen Unterschied zum analogen Spiel?

Charlotte Janus: Jedes Spiel ist anders. Digitale und analoge Spiele haben unterschiedliche Möglichkeiten und man sollte sie nicht gegeneinander ausspielen. Es gilt jedoch bei der Entwicklung dieser Spiele das Potenzial auszuschöpfen. Die weltweite Vernetzung von Menschen wie bei Onlinespielen ist mit analogen Spielen nicht zu erreichen. Andererseits sind viele digitale Spiele noch sehr an den doch eher kleinen Raum eines Bildschirmes geknüpft und im Vergleich zum analogen Spiel eher unflexibel. Der größte Teil der digitalen Spiele sind Regelspiele – freies kreatives Spiel, Bewegungsspiele sind eher unterrepräsentiert. Das ändert sich aber zunehmend.
Ich denke in Zukunft werden sich die beiden mehr mischen. Der klassische Bildschirm als Interface wird immer unwichtiger werden. Mit dem Projekt „Future Playground“ haben wir beispielsweise Ideen für digitale Komponenten im Spielplatzbereich entwickelt. Die Allgegenwärtigkeit von Digitalität in unserem Alltag bietet auch für die Zukunft des Spiels völlig neue Möglichkeiten.

Technovation Girls Germany: Können wir durch digitale Spiele genauso gut lernen wie durch analoge Spiele?

Charlotte Janus: Digitale Spiele sind sehr vielfältig, genauso wie analoge Spiele. Was genau und wieviel wir dabei lernen ist ebenso vielfältig und man sollte es nicht miteinander vergleichen.
Bewerten würde ich ein Spiel übrigens nie allein am Lerngrad. Auch wenn es in unseren Projekten meistens auch darum geht, Dinge zu vermitteln, geht es beim Spielen immer und vor allem auch um den Spaß. Denn das ist ja genau das, was das Spiel ausmacht: Es geschieht aus Selbstzweck, weil es uns Freude macht. Das Lernen kommt im besten Falle nebenbei.

Technovation Girls Germany: Vielen Dank für das Interview.

Gastbeitrag von Technovation Girls Germany

Das Programm  empowert Mädchen, digitale Phänomene auszuprobieren und den digitalen Wandel für sich zu nutzen. Für weitere Informationen ↗ hier klicken.

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